Der Zweite Weltkrieg forderte das Leben von ca. 55 Mio. Menschen, davon ca. 30 Mio. Kriegstote und Vermisste sowie ca. 25 Mio. Zivilisten.
In Deutschland kamen ca. 380.000 Menschen allein als Folge des Bombenkrieges um. Der alliierte Luftkrieg hatte sich neben militärischen Zielen zunehmend auch gegen deutsche Städte, insbesondere die Innenstädte, gerichtet und viele bis zur Unkenntlichkeit verwüstet.

Vornehmlich das Jagdgeschwader 1 der Deutschen Luftwaffe – ab April 1943 zusätzlich auch das aus ihr hervorgegangene Jagdgeschwader 11 - wurde zur Abwehr der alliierten Bombenangriffe auf das Reichsgebiet eingesetzt.

Zahlreiche Veröffentlichungen haben in Verkennung oder Ignoranz der Ursachen, Urheber und Ziele des Krieges die mit der Landesverteidigung beauftragten Geschwader der Deutschen Luftwaffe unter dem Begriff der so genannten „Reichsverteidigung“ unangebracht mystifiziert und teilweise auch glorifiziert.

Die Jagdflieger, denen die Aufgabe der Reichsverteidigung zukam, durchlebten in ihren zunehmend aussichtslosen Einsätzen nicht nur schreckliche Ängste, sondern auch erhebliche Konflikte. Viele von ihnen, wie auch mein Onkel, erkannten zunehmend mehr die Aussichtslosigkeit ihrer Einsätze und hegten Zweifel nicht nur an der militärischen Führungskompetenz, sondern dem ganzen Handeln des Staates.

Schon von Beginn seiner frühesten Jugend an war mein Onkel wie viele Jungen interessiert am Fliegen. Aufgewachsen und erzogen unter den Zeichen der damaligen Zeit, handelte er als Soldat in Gehorsam für sein Vaterland, nicht realisierend, für welches Regime er letztlich seinen Kopf hinhielt, und sicher nicht verantwortlich für die schweren Verbrechen, welche im Namen des deutschen Volkes durch die nationalsozialistische Führung begangen wurden.

Einerseits die Chancenlosigkeit gegenüber einem übermächtigen Feind, gegen den er immer wieder unter Einsatz des eigenen Lebens anzutreten hatte, und andererseits zugleich auch der ehrenhafte Wille sein eigenes Land vor den als barbarisch zu bezeichnenden Bombenangriffen gegen die Zivilbevölkerung – auch gegen seine eigenen Angehörigen – zu schützen, brachten ihn in einen tiefen Zwiespalt. Mit diesen unvorstellbar bedrückend hohen Belastungen musste er, wie viele seiner Kameraden auch, irgendwie fertig werden.

Einen Ausweg hierzu gab es nicht. Er selbst erlebte bei seiner Auszeichnung mit dem EK1 durch Herrmann Göring die Forderung des viel zitierten „letzten Einsatzes“ bis hin zum Rammen der Feindmaschinen, wenn die eigenen Magazine bereits leer geschossen seien. Seine Staffelkameraden beantworteten diese menschenverachtende Ansprache Görings mit Fußscharren.

Zugleich war aber auch er zum Schluss derart verhärmt über die Angriffe des Feindes gegen die Zivilbevölkerung („ich hole sie runter, wie immer ich sie auch kriege“), dass seine anfänglich schwer überwindbaren Skrupel einen Bomber mit 10 Mann abzuschießen, sich verloren. Ein Sinneswandel, der z.B. seinen Flügelmann Kacmarek Uffz. Alex Crones (gefallen 30.01.44, FW 190 A-7, WN 430684, 2./JG1 "schwarze 4") erst kurz vor seinem eigenen Tod ereilte - zuvor gab Crones meinem Onkel ausschließlich Begleitschutz in den Luftkämpfen.

Mitte 1943 war eine entscheidende Wende bei den Luftkämpfen der Reichsverteidigung eingetreten.
Zum einen schmälerte sich die anfänglich eindeutige technische Überlegenheit der FW 190, zum anderen drangen die stärker gepanzerten und betankten Boeings deutlich weiter, häufiger und zahlreicher in das Reich vor, um Flugzeugwerke und Kugellagerhersteller zu bombardieren.
Die Pulks der Feindmaschinen wuchsen auf hunderte, zunehmend auf Grund von Reichweiteverbesserungen, begleitet mit ebenso vielen Jägern. Die Übermacht der Alliierten wurde äußerst drückend, die Verluste unter deutschen Jägern wuchsen drastisch.

Erlebend wie jeden Monat 20-40 seiner Geschwaderkameraden in den aussichtslosen Einsätzen ihr Leben ließen, kamen weiterhin Einsatzbefehle mit 3-4 Handvoll FW 190 und Bf109 aufzusteigen und gegen Bomberverbände von 800 Flying Fortress, die von 900 Spitfire, Mustang und Thunderbolts begleitet wurden, zu kämpfen.
Ein völlig aussichtsloses Unterfangen. Die Luftschlachten ab Ende 1943 waren eigentlich keine Schlachten mehr gemäß eines militärischen Kontextes, sondern das Aufreiben und Vernichten der Geschwader für die Reichsverteidigung. Ihre Piloten wurden voller Ignoranz und Verblendung des Regimes in zynischster Art regelrecht „verheizt“.

In dieser Phase fand auch mein Onkel sein Ende. Auf einem Rückflug von der Front nach einem Auftanken auf dem Fliegerhorst Köln-Ostheim geriet er in der Nähe von Bergisch Gladbach gegen Mittag abseits von einem weiter nördlich tobendem Luftgefecht in einen Luftzwischenfall. Er wurde dabei von der eigenen Flak getroffen (so ein Augenzeugenbericht) und stürzte danach tödlich ab. Er wurde 23 Jahre alt.

Kriege werden – wie die Geschichte lehrt – nur selten durch die technische Überlegenheit von Waffen entschieden. Entscheidend sind meist die Fehler der jeweiligen Führungen der Kriegsparteien.
Den Luftkrieg zur Reichsverteidigung jedoch nur als Führungsfehler zu kategorisieren wäre eine völlig falsche Würdigung der Ereignisse. Hierbei handelte es sich um ein Verbrechen an den Piloten, das in seinem Zynismus sicher nicht die herausgehobene Stellung beanspruchen darf, wie andere Verbrechen des damaligen Regimes. Haarsträubende Realitätsferne und Wunschdenken einer militärischen Führung getrieben aus totaler Selbstüberschätzung und zynischer Geringschätzung menschlichen Lebens, hatten vielen Soldaten, auch denen der Reichsverteidigung, das Leben gekostet – so auch meinem Onkel.

Es ist für mich Trost, nicht in diese Zeit hineingeboren worden zu sein, und ich bin dankbar dafür, dass wir zumindest mit den heutigen Generationen in Europa, auch Dank der Aufklärung der viel gescholtenen Medien, eine Wiederholung solchen menschenverachtenden Unrechtes – hoffentlich – nicht mehr erleben werden.
Mögen die jungen Menschen von heute – entgegen aller Erfahrungen aus der Geschichte – die Lehren aus dieser Zeit für ihre friedliche Zukunft ziehen.

Falk K. Börsch
im März 2013

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